Der Elf hat seine Ohren, der Zwerg seinen Bart und der Ork sein schlecht gepflegtes Gebiss. Jeder einzelne davon ist dadurch einzigartig und hat einen gewissen Wiedererkennungswert. Sei es jetzt die Art, wie die Elfenohren im Wind flattern, die kunstvoll im Zwergenbart verteilten Essensreste oder der einzigartige orkische Mundgeruch. Selbst andere Rassen werden leicht wiedererkannt und sei es nur, dass der Kender, der gleiche sein muss, wie der, dem ich vor einer halben Stunde eine übergebraten habe. Er mag sich ja umgezogen haben, aber das blaue Auge erkenne ich wieder!
Was bleibt aber uns Menschen? Narben, Tätowierungen, vielleicht sogar auffallende Kontaktlinsen. Alles am besten im Gesicht, damit man es auch gleich sieht. Aber es gibt auch diejenigen unter uns, die keine Narben oder Tätowierungen haben und zu deren Charaktervorstellung giftgrüne oder blutrote Kontaktlinsen nun einmal nicht passen.
Wie kann man da den Charakter wiedererkennen? Natürlich: die Gewandung!
Angefangen vom „doofer Hut Credo“ bis hin zu an Albernheit grenzender Schnabelschuhe. Solange es einzigartig ist und sich von der Piratenhemd-Lederhose-Masse abhebt, ist es schon einmal ein guter Anfang. Auch wenn ich abstreiten werde, das jemals gesagt zu haben: selbst eine selbst genähte Magierrobe aus Pannesamt (oder dem Satin in gleicher Qualität, für den ebenfalls etliche Polytierchen haben sterben müssen) hat mehr Einzigartigkeit als ein weißes Piratenhemd zu einer schwarzen Lederhose. Selbst wenn Pannesamt an Schrecklichkeit nicht zu übertreffen ist, muss doch jeder, der ihn schon einmal verwendet hat, würdigen, dass die Arbeit, es zu vernähen, dem Material in nichts nachsteht. Aber – pst! – wir verraten nicht, dass sich echter Samt VIEL leichter verarbeiten lässt und es auch noch Stoffe ohne Polytierchen gibt…
Leider scheinen auch zu viele unter uns vergessen zu haben, dass es auch noch mehr Farben gibt als weiß und schwarz. Besonders mutige versuchen es manchmal, noch einen gewagten Rotton hinzuzufügen, aber damit hat sich dann die Kreativität auch schon erschöpft.
Dabei steht uns eine beträchtliche Auswahl an verschieden Farbtönen zur Verfügung. Auch scheint vielen nicht bewusst zu sein, dass dunkle Grau-, Braun- und Grüntöne in der Dunkelheit viel besser tarnen als das ach so verehrte Schwarz. Aber dieser Artikel soll nicht über mögliche Farbkombinationen gehen, sondern darüber, wie man für seinen Charakter Einzigartigkeit und einen Wiedererkennungswert bekommt.
Anfangs mag es genügen, sich eine Gewandung so zusammen zu stellen, dass sie einmalig ist. Sei es nun, weil sie komplett selbst genäht ist, oder weil man gekaufte Teile mit Eigenproduktionen so kombiniert hat, dass der Gesamteindruck nicht wie „von der Stange“ wirkt. Es ist verwunderlich wie viel Arbeit man in die noch so winzigen Details an seiner Ausrüstung stecken kann, wirklich fertig wird so eine Gewandung wohl nie sein, da man nach jeder Con wieder kleine Veränderungen vornehmen möchte, um sie den eigenen Ansprüchen perfekter anzupassen. Somit wächst die Gewandung mit dem Charakter.
Aber eben nur EINE Gewandung.
Ich gehe einmal davon aus, dass schon viele vor mir zu diesem Problem gekommen sind und es werden wahrscheinlich auch noch viele nach mir tun:
Mein Charakter möchte sich umziehen. Aber ich möchte, dass man ihn immer noch erkennt.
Ich verfüge nicht über elegant im Wind wehende Elfenohren, habe keinen kunstvoll verzierten Zwergenbart und kein – zum Glück – einzigartiges Gebiss. Nicht einmal Narben oder Tätowierungen machen mein Gesicht unverkennbar. Und Kontaktlinsen? Ich trage zwar welche, aber nicht um die Augenfarbe zu verändern, sondern um überhaupt etwas sehen zu können.
Einfach ist es für Charaktere, die einem bestimmten Orden angehören oder einem Lehensherrn die Treue geschworen haben. Sie ziehen einfach die Gewandung ihrer Wahl an und schmeißen den Wappenrock darüber. So ein Wappenrock sticht ins Auge und es liegt in der Natur der Sache, dass man ihn wiedererkennt.
Andere haben weniger Glück.
Man kann natürlich prägnante Accessoires mit sich führen. So wird man den Magier Magnus Mächtig an seinem imposanten Drachenstab erkennen, egal ob er in einer seiner vielen Roben oder seinem Nachthemd vor einem steht, und Klaus Klitzeklein wird immer der Kühne Knappe sein, weil niemand sonst mit so einem verbogenen und hoffnungslos rostigem Schwert herum rennt. Auch das wohlbekannte „doofer-Hut-Kredo“ hat durchaus seinen Sinn….leider passt so eine markante Kopfbedeckung nicht zu jeder Gewandung.
(Auf das ganze Adelspack gehe ich hier nicht ein… die sind sowieso ein Völkchen für sich und scheinen nicht überlebensfähig, wenn sie sich nicht mindestens dreimal am Tag umziehen können.)
Andere müssen darauf achten, dass zumindest der Stil ihrer Gewandung der gleiche bleibt. Trotzdem ist auch das nicht unbedingt das Erfolgsrezept, es sei denn natürlich, man bleibt auch in der Farbwahl gleich. Aber wo ist denn dann noch der Sinn in der Zweitgewandung?
Oh, ich kann die Einwände schon hören: „Nicht die Gewandung macht den Charakter aus, sondern das Spiel…“
Da wir allesamt ja begnadete Schauspieler sind (oder uns zumindest dafür halten), sollte das auch wirklich kein größeres Problem sein. Dann genügen ja auch Piratenhemden und Lederhosen, wir sind trotzdem in der Lage, einfach alles darzustellen und innerhalb eines Wimpernschlages vom grimmigen Oger zur bezaubernden Fee zu mutieren. Die Illusion ist perfekt und sollte sie es nicht ganz sein, sind grundsätzlich alle anderen schuld, die offensichtlich zu wenig Fantasie für dieses Hobby haben.
Um nasige Debatten im Dungeon und grenzenlos Verwirrung in diversen Kämpfen zu vermeiden – schließlich sieht in der Hitze der Schlacht jedes Piratenhemd gleich aus, egal welcher noch unentdeckte Oskargewinner gerade darinnen steckt – sollte man sich vielleicht doch nicht ganz auf sein Talent verlassen und dafür sorgen, dass der erste Eindruck stimmt.
Auch ich habe mich entschlossen, mich nicht auf mein überragendes schauspielerisches Talent (von dem ihr alle sicher schon gehört habt) zu verlassen und will es den fantasielosen Mitlarpern erleichtern, meine einzigartigen Charaktere wieder zu erkennen, selbst wenn diese sich umgezogen haben. Das stolze Ergebnis lässt sich in einem Satz zusammen fassen:
Ich bin kläglich gescheitert!
Nicht mal mein eigener Ehemann hatte meinen Charakter wiedererkannt. Und dabei hatte ich mir doch solche Mühe gegeben und meine eigenen Ratschläge bis ins kleinste Detail berücksichtigt: Stil, Schnitt, ja sogar einige Teile sind die gleichen geblieben. Es hat sich eigentlich nur die Farbe des Stoffes verändert. Offensichtlich benötige ich doch einen überzeugenden Magierstab und sehr viel Glauben an mich selbst, dass ich ihn nicht bei erster Gelegenheit verschussel.
Und so komme ich schließlich und endlich zu dem Schluss, dass jeder von uns sich ein einzigartiges Gesicht, wie beispielsweise T’Nuudh es hat, zulegen sollte. Ihn erkennt man immer, jeder erkennt ihn, selbst die, die ihm noch nie begegnet sind, erkennen ihn!
Und das wird auch so sein, wenn er irgendwann einmal auf die Idee kommt, ein rosa Kleidchen zu tragen.
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- Larp Anno 1996
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